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Tonangebend

Tonangebend

Caltagirone


"Sehr viel Töpferwaren werden hier gemacht und auch hübsche, sehr realistisch gehaltene Genrefiguren, Sizilianer und Calabreser in Nationaltracht darstellend." wusste der Baedeker 1892 zu berichten. Dank reicher Tonvorkommen ist der innersizilianische Bergort Caltagirone seit der Bronzezeit ein bedeutendes Keramikzentrum. Das sehenswerte Museo della Ceramica am Altstadtrand dokumentiert diese bis heute lebendig gebliebene Tradition und schärft das Auge für Qualität. Die heutige Stadt und ihr Name gehen auf eine arabische Gründung im 9. Jh. zurück, Qal’at al Ghiran (Burg über den Höhlen) oder Qal’at al Gharùn (Burg der Vasen) wurde sie damals genannt. Araber importierten die von Persern übernommene Technik glänzend-bunter Zinnglasuren, die mit den Spaniern Jahrhunderte später ein zweites Mal in Sizilien Einzug hielt und bis heute als Majolika (von der Insel Mallorca abgeleitet) stilbildend ist. Vom 15. bis zum 17. Jh. erlebte Caltagirone eine Blütezeit. Von damals 20.000 Einwohnern übten mehr als 1000 den Beruf des Töpfers aus. Viele der heute noch verwendeten traditionellen Dekors entstammen dieser Epoche.

 

 

Der wirtschaftliche Einbruch im 18. Jh. wurde durch Konkurrenz aus Neapel, die Erfindung des englischen Steinguts, aber auch durch die zunehmende Verwendung von Zementfliesen als Bodenbeläge ausgelöst. Kreatives Krisenmanagement bewiesen in dieser Zeit die Kunsthandwerker Giuseppe Vaccaro und Giacomo Bongiovanni. Aus der Tradition Krippen- und Heiligenfiguren aus Keramik zu formen entwickelten sie ein neues Genre. Ihre realistischen Figurengruppen, Hirten und Bauern darstellend, setzten einen neuen Trend und wurden in Bürgerkreisen zu beliebten Sammlerobjekten. Genauso populär sind heute noch die teste di moro, Mohrenköpfe als Blumentöpfe, wie sie herrschaftliche Hofzufahrten oder spätbarocke Balkone zieren. Neuen Aufschwung erhielt Caltagirones Kunsthandwerk 1918, als der damalige Bürgermeister Don Luigi Sturzo, Sozialreformer und Gründungsmitglied der Democrazia Cristiana, die staatliche Fachschule für Keramik ins Leben rief.

 

 

Von der Piazza Municipio aus führt die aus dem 17. Jh. stammende Prachttreppe Scalinata di Santa Maria del Monte zur gleichnamigen Kirche hoch. In den 1950er Jahren wurden die Stirnseiten der 142 Stufen mit Keramikfliesen verziert. Die Betrachtung der unzähligen klassischen  Bildmotive liefert einen idealen Vorwand, während des steilen Anstiegs Luft zu holen. Entsprechend haben viele Werkstätten entlang der Treppe ihre Auslagen eingerichtet. Bei  Silva Ceramica wird man auf der Suche nach Mohrenköpfen und barocken Bodenkacheln, wie sie auch die Showrooms von Dolce & Gabbana zieren, fündig. Giacomo Alessi geht einen Schritt weiter. Er kennt und liebt die lokale Traditionen, seine Neugierde und poetische Ader führt ihn auf neue Wege. Seine handgefertigten Stücke erzählen sizilianische Geschichte(n) und sind vielfach auf internationalen Kunstausstellungen zu sehen, wie z.B. auf der Biennale von Venedig oder im Museum of Modern Art New York.



Nobelpreis für einen Tontopf



Neben Caltagirone ist das Küstenstädtchen S. Stefano di Camastra, im Norden zwischen Cefalù und Capo d’Orlando gelegen, das zweitwichtigste Töpferzentrum Siziliens. In der Novelle "La Giara" des sizilianischen Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello spielt ein Tonkrug aus S. Stefano di Camastra die zentrale Rolle. Der Ort ist für die Produktion traditioneller Gebrauchskeramik und farbenfroher Fliesen bekannt, wie sie die Böden und Wände barocker Kirchen und Palazzi, charmanter sizilianischer Hotels und cooler New Yorker Lofts schmücken. Einen ungewöhnlichen Eindruck von der Fülle traditioneller Muster kann man sich beim Besuch des alten Friedhofes und seiner majolikaverzierten Gräber verschaffen.

 

 

In den (Wohn-)Genuss zeitgenössischer Kunst in Kombination mit ambitionierten Keramikkursen kommt man beim Aufenthalt im nahe gelegenen Art Hotel Atelier sul Mare im nahen Strandort Castel di Tusa. Antonio Presti, der Besitzer und Ideator des ungewöhnlichen Hotelprojekts, ist das Enfant terrible der sizilianischen Kunstszene. Als Mäzen setzt er bellezza (Schönheit im antiken, moralischen Sinn) im Kampf gegen Korruption, Armut und soziale Missstände ein. Ein Musterbeispiel ist auch sein Museo d’Arte Comtemporanea Librino Catania in einem Vorstadtviertel Catanias. In diesem Langzeitprojekt werden die Kinder zu Keramikkünstlern und Gestaltern der "Porta della Bellezza" (Stadtbusse 550 und 555 von der Piazza Borsellino nach Librino).



Think pink in der Antike



Einen erstaunlichen Einfallsreichtum in der Gestaltung von gebranntem Ton erlebt man beim Besuch in den Archäologischen Museen Siziliens, ob bronzezeitliche Graburnen von Pantalica in Syrakus oder mythenreiche Vasenbilder in Agrigent. Am buntesten trieb es der sogenannte "Maler von Lipari" aus dem 3. Jh. v. Chr., dessen rotfigurige Vasen nach dem Brand zusätzlich mit leuchtenden Temperafarben in gelb, hellblau, rot und rosa verziert wurden. Zu sehen sind die tollen Stücke im Museo Archeologico Eoliano auf Lipari. Das Museum ist auch berühmt für die wohl umfangreichste Sammlung kleiner Theaterfiguren und Miniaturmasken aus der Welt der klassischen Komödie. Die Terrakotta-Statuetten dienten als Votivgaben an den Gott Dionysios. Mit etwas künstlerischer Freiheit angefertigte Reproduktionen der schönsten Stücke gibt es bei den Fratelli Spada am Corso Vittorio Emanuele 199. Witziger sind die keramischen Kreationen der Neapolitanerin Loredana Salzano in der Via Garibaldi 47, die vor Jahren ihr Herz an die aus Feuer geformten Inseln verloren hat. Zu ihren Lieblingssujets zählen Sardellen und Vulkane und damit erzählt sie Erstaunliches! 



Eine ganze Stadt im Handgepäck

 



Der Architekt Vincenzo Vizzari hat 1993 begonnen in seinem winzigen Studio an der Hauptstraße Palermos die wichtigsten historischen Bauten Palermos in Miniatur aus Terrakotta nachzuformen. Die "Cittacotte di Vizzari" sind eine ebenso originelle, wie leicht zu transportierende Erinnerung an die Keramikinsel Sizilien. Nicht weit ist es von hier zur Galerie Casa Merlo, wo Adele und Vincenzo Merlo die wahrscheinlich eindrucksvollste Keramiksammlung Siziliens zusammengetragen haben. Klassisches Kunsthandwerk aus Caltagirone, S. Stefano di Camastra und Burgio ist ebenso vertreten, wie einige der besten zeitgenössischen Keramikkünstler mit ausgewählten Stücken. Der Besuch in den historischen Räumen der ehemaligen Gioielleria Mercurio & Co. ist ein Genuss, selbst wenn man keines der tollen Tonobjekte erwirbt. 

 

 

 

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